Was KI tatsächlich verändert – und was nicht
Die ehrliche Einordnung beginnt mit einer Trennung: KI verändert einen Teil der Make-or-Buy-Rechnung spürbar – und einen anderen Teil überhaupt nicht. Beide auseinanderzuhalten ist die ganze Kunst.
• Die Baukosten sinken – aber später, als der Hype behauptet
Der Effekt ist real, aber er ist jung und ungleichmäßig. Über Jahre wurde mehr versprochen als geliefert. Erst in jüngster Zeit sehen wir – in eigenen Projekten und bei Kunden – Effizienzgewinne, die im Alltag wirklich ankommen: bei klar umrissenen, gut abgegrenzten Aufgaben durchaus spürbar, bei komplexer Geschäftslogik deutlich weniger. Und die Bruttozahlen täuschen. Was an Tipparbeit gespart wird, fließt zu einem guten Teil in Prüfung, Korrektur und Nacharbeit zurück. Netto bleibt ein Gewinn – aber selten in der Größenordnung, die durch die Schlagzeilen geistert. Was sich wirklich verändert hat, ist die Schwelle für den ersten Wurf: Prototypen, die man früher aus Aufwandsgründen gar nicht gebaut hätte, entstehen heute in Tagen.
Das Bild dazu ist eine simple Kurve. Lange lag der Punkt, ab dem Eigenbau günstiger war als Standard, sehr weit rechts: Man brauchte viel Spezialität und viele Nutzer, bis sich die Eigenentwicklung rechnete. Dieser Punkt hat sich erst kürzlich spürbar nach links verschoben – langsamer, als die Ankündigungen vermuten ließen, und er bewegt sich noch. Fälle, die bis vor Kurzem klar auf der Kaufen-Seite lagen, sind heute ein ehrliches Unentschieden. Nur sagt diese Kurve eben ausschließlich etwas über die Baukosten – über alles, was nach dem Go-live kommt, schweigt sie.
• Der Fachbereich wird zum Entwickler
Die zweite Verschiebung ist subtiler, aber folgenreicher. KI-gestützte Low-Code-Werkzeuge bringen die Entwicklung dorthin, wo der Prozess gelebt wird – in den Fachbereich. Der Einkauf baut sich ein Lieferanten-Bewertungstool, die Produktion eine kleine Rüstzeit-App, der Vertrieb einen Angebots-Konfigurator. Ohne IT-Ticket, ohne Wartezeit, im Idealfall in Tagen statt Monaten. Für die Geschwindigkeit ist das ein Segen. Für die Architektur ist es genau die Stelle, an der es gefährlich wird – dazu gleich mehr.
• Was KI nicht verändert: Betrieb, Wartung, Verantwortung
Und hier ist der Kern, den der Hype regelmäßig überspringt: Die Kosten der Erstellung waren noch nie das eigentliche Problem der Eigenentwicklung. Das eigentliche Problem fängt nach dem Go-live an. Eine Software muss betrieben, gewartet, an neue Schnittstellen angepasst, gegen Sicherheitslücken gehärtet und an gesetzliche Änderungen angeglichen werden. Sie braucht jemanden, der sie in fünf Jahren noch versteht. Genau diese Posten senkt KI bisher kaum – in Teilen erhöht sie sie sogar, weil schneller mehr Software entsteht, die alle gewartet werden will.
Das ist keine reine Berater-Vorsicht – Branchenerhebungen zeichnen dasselbe Bild. Der DORA-Report 2024 etwa findet deutliche wahrgenommene Produktivitätsgewinne durch KI und zugleich, dass mit steigender KI-Nutzung die Liefergeschwindigkeit und vor allem die Stabilität der Auslieferung tendenziell leiden. Im Stack Overflow Developer Survey 2025 wiederum nutzen über vier Fünftel der Entwickler KI-Werkzeuge – während das Vertrauen in die Korrektheit der Ergebnisse sinkt. Schneller schreiben heißt eben nicht automatisch besser ausliefern. Review, Verifikation und Verantwortung verschwinden nicht; sie verschieben sich nur.
→ KI macht Eigenentwicklung billiger. Sie macht sie nicht klüger.
Klüger wird Eigenbau nämlich nicht durch das Werkzeug, sondern durch zwei Dinge: Architektur und Governance. Sie entscheiden, ob aus billigem Bauen ein Vorteil wird oder nur schnellerer Wildwuchs – und sie sind der rote Faden durch den Rest dieses Artikels.